News vom 27.07.05

VfL Wolfsburg: Frischer Wind im Sturm
"Ich muss unter Strom stehen""Ich muss unter Strom stehen"
Auf Schalke wurde er sogar Nationalspieler. Aber Stammkraft war Mike Hanke (21) dort nicht. In Wolfsburg soll sich das jetzt ändern.
kicker: Herr Hanke, wegen eines Formfehlers im ersten FIFA-Verfahren wird am Mittwoch über ihre Rot-Sperre neu verhandelt. Sind Sie zuversichtlich, nun ein anderes Urteil zu bekommen?
Mike Hanke: Ja, klar. Mehr als ein Spiel halte ich nicht für angemessen.
kicker: In Wolfsburg ging es turbulent zu: Kaum waren Sie da, verließen Rytter und vor allem Petrov den Klub. Ein Dämpfer für Ihre Ambitionen?
Hanke: Nein. Sicher ist gerade Petrov nicht leicht zu ersetzen. Aber das Ziel bleibt ein UEFA-Cup-Platz.
kicker: An eine Stammplatz-Garantie glauben Sie ja angeblich ohnehin.
Hanke: Unsinn! Das habe ich nie gesagt, meine Zitate wurden falsch ausgelegt.
kicker: Was meinten Sie?
Hanke: Dass ich wohl erst mal eine Lobby habe, weil ich neu geholt wurde. Aber das muss ich rechtfertigen. Ich bin sicher, beim VfL wird am Ende nur nach Leistung aufgestellt.
kicker: Anders als auf Schalke?
Hanke: Das will ich nicht sagen. Dort war ich eben immer der kleine Junge aus der Jugend, den man schnell wieder auf die Bank schicken konnte. Jetzt spüre ich die Gewissheit, mein sportliches Schicksal über Leistung selbst bestimmen zu können.
kicker: Spüren Sie auch den Druck, für Manager Thomas Strunz, spielen zu müssen? Wenn Sie nicht einschlagen, bekommt auch er Probleme.
Hanke: Es wird gerne so dargestellt, als habe Thomas mich nur geholt, weil er mein Berater war. Das ist doch kompletter Quatsch. Für mich ist Wolfsburg die Chance, 30 Spiele am Stück zu machen. Und dass ich meinen Wert für den Klub habe, werde ich beweisen.
kicker: Wenn Ihr Vorgänger Brdaric in Hannover 15 Tore macht und Sie nur fünf, gibt es schöne Diskussionen. Hanke: Moment mal: Ich merke, beim VfL sind alle glücklich über mich. Die Fans mögen mich, und selbst die Journalisten sagen, dass es die richtige Entscheidung war, mich als Nachfolger für Brdaric zu holen. Wo soll da der Konflikt sein?
kicker: Er könnte sich an der Person Thomas Strunz entzünden.
Hanke: Thomas steht dauernd unter Beschuss, dabei hat er viel auf sich genommen und das Team geschützt. Für mich ist er ein super Mensch und als Manager klasse. Da werden sich einige noch ganz schön wundern!
kicker: Diego Klimowicz und Sie im Sturmzentrum – passt das?
Hanke: Ich denke ja. Wir hatten schon einige gute Aktionen. Wir dürfen eben nur nicht beide vorne drinstehen.
kicker: Ihr Spiel wäre das erfahrungsgemäß doch ohnehin nicht.
Hanke: Stimmt. Trainer Fach hat mir zwar gesagt, ich solle vorne reingehen, wo es gefährlich wird. Aber wenn ich mit Klimo spiele, kann ich bestimmt variabel bleiben. Ich will einfach immer unterwegs sein. Nur vorne auf den Steilpass warten, das könnte ich nicht. Ich muss immer unter Strom stehen, mich auspowern. Viel für die Mannschaft zu arbeiten, gibt mir ein gutes Gefühl. Und deshalb Selbstsicherheit vor dem Tor.
kicker: Können Sie Ihren Stil als Stammkraft über eine Saison durchziehen?
Hanke: Um das herauszufinden, bin ich ja nach Wolfsburg gekommen. Ich bin zuversichtlich, meine Ausdauerwerte sind sehr, sehr gut.
kicker: Welche Mängel müssen Sie vor allem noch abstellen?
Hanke: Ich weiß, ich bin nicht der Schnellste. Auf den ersten Metern und in der Endgeschwindigkeit liegen meine größten Defizite. Nach der Vorbereitung engagiere ich einen Leichtathletik-Trainer, um dieses Manko zu beheben.
kicker: So offen redet kaum ein Profi über seine Schwächen. Schaden Sie sich damit nicht selbst?
Hanke: Soll ich mir in die eigene Tasche lügen? Das bringt mich nicht weiter. Lieber sage ich immer, was ich denke.
kicker: Was Ihnen häufig negativ ausgelegt wurde, etwa wenn Sie vehement mehr Einsatzzeit forderten.
Hanke: Wer Fußballspielen so sehr liebt wie ich, kann mir nicht erzählen, dass er mit fünf Minuten auf dem Platz zufrieden ist. So jemand belügt alle anderen und sich selbst.
kicker: Ihr Spruch motivierte Kevin Kuranyi, gegen Schalke drei Tore zu schießen.
Hanke: Zwei Wochen vor dem VfB-Spiel habe ich auf Nachfrage gesagt, Schalke bräuchte nicht so viel Geld für Kevin auszugeben, wenn ich doch in ein, zwei Jahren genauso gut bin. Eine Woche später wurde ich gefragt, ob ich das so gesagt habe und habe es bejaht. In der Zeitung stand dann als mein Zitat: Schalke braucht keinen Kuranyi, Schalke hat Hanke. Aber wissen Sie was: Ich werde mich deswegen nicht ändern. Ich habe das intern geklärt, auch mit Kevin, das ist die Hauptsache.
kicker: Ist es für Sie auch Lustgewinn, für viele ein Rebell zu sein?
Hanke: Sicher ist das ein Stück weit reizvoll für mich. Ich war schon immer frech und direkt, das lasse ich mir nicht nehmen. Insofern polarisiere ich gerne. Die Leute, die damit nicht klarkommen, sind wahrscheinlich solche, die sich selbst lieber verstellen.
kicker: Wo sehen Sie sich in der deutschen Stürmer-Hierarchie?
Hanke: Klose, Kuranyi, Asamoah und Podolski stehen zurecht vor mir. Aber ich bin jetzt gefordert, bis zur WM eine Riesen-Konkurrenz für sie zu werden.
Interview: Thiemo Müller
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